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// LinuxTag 2005
Besuchen Sie uns auch nächstes Jahr wieder auf dem LinuxTag 2005
im Karlsruher Messe- und Kongresszentrum. Für nähere Details und den
genauen Termin besuchen Sie bitte die LinuxTag Homepage.
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EUROPAS GRÖSSTE GNU/LINUX MESSE UND KONFERENZ KONFERENZ-DVD 2004 |
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| Hauptseite // Vorträge // Freie Software im Vormarsch in Lateinamerika |
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Freie Software im Vormarsch in Lateinamerika
Copyright © 2004 by the Author(s)
Dieser Beitrag ist lizensiert unter der Creative Commons License.
Zusammenfassung
"In Lateinamerika bewegt sich in Sachen freier Software seit einigen Jahren
vieles. Schon lange vor Dr. Villanuevas berühmten Brief an den
damaligen Geschäftsführer der peruanischen Microsoft-Zweigstelle wurde
freie Software im brasilianischen Staat Rio Grande do Sul ganz groß
geschrieben. Der peruanische Gesetzesentwurf stammte nicht mal aus
Peru, sondern aus Argentinien, wo eine Gruppe interessierter Personen
den Text in einer mailling-List ("proposicion",
http://www.proposicion.org.ar) und ganz nach der
"Bazaar"-Entwicklungsmethode "zusammengehackt" haben, und zwar für das
Projekt des argentinischen Abgeordneten Dragan. Seitdem sind
Gesetzesentwürfe nach dem "proposicion"-Vorbild in vielen Ländern
Lateinamerikas in der Diskussion - dies gilt auch für andere
Kontinente. Selbst in Europa hat die "FLOSS-Studie" der Universtät
Maastricht diesen Text für die EU-Mitgliedsstaaten als Vorbild
empfohlen.
Bedenkt man, daß lateinamerikanische Länder vorwiegend zu den Armen
der Welt zählen, so ist es besonders bemerkenswert, daß die treibende
Kraft hinter dieser ganzen Bewegung nicht der vermutlich "geringere
Preis" der freien Software ist, sondern die Freiheit selbst. Natürlich
spielt z.B. in Uruguay die Tatsache, daß man nicht unbedingt
anderthalb Rinder exportieren muß, ehe man einen einzigen Computer mit
Textverarbeitung und Tabellenkalkulation austatten kann, eine wichtige
Rolle. Aber kein Mensch macht sich hier vor, freie Software wäre
umsonst. Aus unserer jungen Geschichte, und gar aus unserem Alltag
wissen wir, daß Freiheit selten billig zu erkaufen ist.
Derzeit gibt es viele internationale Initiativen, um armen Länder das
Überbrücken der "digitalen Kluft" zu erleichtern. Milliarden werden
investiert, um möglichst vielen Leuten aus aller Welt den Zugriff auf
digitale Technologien zu ermöglichen. Schaut man sich diese
Initiativen aber etwas genauer an, dann wird sehr schnell klar, daß es
sich um schlecht getarnte Markteroberungsstrategien handelt, die
Nationen streng in Konsumenten und Erzeuger trennt: die Konsumenten
sollen Zugriff auf Inhalte haben können, denn sonst kann man ihnen
keine verkaufen. Dieser Zugriff soll aber möglichst so geschaffen
sein, daß er in der Kontrolle der Erzeuger bleibt, damit die
Konsumenten nie ihre eigenen Technologien entwickeln. Gerade diese
ewige Abhängigkeit zu brechen ist das große Versrpechen der freien
Software für die Armen der Welt: mit freier Software können wir uns
die Technologie aneignen, sie an unsere Bedürfnisse anpassen,
Technologie warten, verbessern, und Neue erzeugen. Mit freier Software
können wir sicher sein, daß unser Kulturgut auf dem Weg ins Digitale
nicht verlorengeht, das Gedächtnis unserer Gesellschaft uns nicht
weggenommen werden kann, und daß unsere Werkzeuge tatsächich uns
gehören und gehorchen, nicht irgendwelchen transnationalen
Korporationen.
In allen Länder Lateinamerikas gibt es heute Initiativen für die
Verbreitung und Entwicklung freier Software. Manche dieser Initiativen
werden von gemeinnützigen Vereinen und andere privaten Organisationen
getragen, andere werden vom Staat selbst gefördert, andere bekommen
Aufschub aus internationale Organisationen wie
UNESCO. Zusammengenommen, sie lassen auf eine glänzende Zukunft für
freie Software in Lateinamerika blicken, die hoffentlich einen Beitrag
zur Erleichterung der sozialen, kulturellen, politischen und
ökonomischen Umständen der Region leisten wird.
Der Weg, wie üblich wenn Freiheit und Unabhängigkeit am Spiel sind,
wird nicht einfach sein, und es ist mit vielen Stolpersteinen
zu rechnen. Aber die beste Autobahn der Welt nützt nichts, wenn sie
nicht zum Ziel führt.
Zusammenfassung
In ganz Lateinamerika wird freie Software immer größer
geschrieben. Obwohl diese Länder zu den Armen der Welt
gehören, steht nicht die Kostenfrage im Vordergrund, sondern
vielmehr die der Gleichberechtigung und Unabhängigkeit im
Informationszeitalter. In allen Länder Lateinamerikas gibt es
Initiativen für die Verbreitung freier Software, sowohl seitens
der Bürger, wie auch der Länder und internationaler
Organisationen wie UNESCO.
Lateinamerika und freie Software
Die Rolle Lateinamerikas in Sachen freier Software ist, aus
rein technischer Sicht, eher bescheiden. Natürlich haben wir auch
unsere Stars, wie z.B. Miguel de Icaza, Marcelo Tosatti, César Brod
und andere, die blendende Beispiele dafür liefern, daß technische
Brillianz überall auf der Welt vorhanden ist, ebenso wie viel
weniger bekannte Hacker, die aus Lateinamerika zu freien Projekten
beitragen oder sie pflegen. Dennoch ist der Anteil
lateinamerikanischer Entwickler in der Gemeinschaft nicht groß
genug, um in der
FLOSS-Studie
der Universität von Maastricht erkennbar zu sein. Leider lässt die
Methodologie dieser Studie keine Ursachen dafür erahnen, warum das
so ist, oder wie die gleichen Daten aussehen würden, zöge man die
Entwickler-Gesamtbevölkerungszahlen der Kontinente in Betracht. Auf
jedem Fall dürfen wir uns von davon nicht täuschen lassen: die
Freie-Software-Bewegung ist in Lateinamerika sehr stark und
lebhaft. Ein deutliches Zeichen dieser Lebhaftigkeit sind die
politischen Schlagzeilen, für die Lateinamerika in der
Freie-Software-Szene in den letzten Jahren gesorgt hat.
Obwohl der Einsatz freier Software weltweit zunimmt, niemand
kann ernsthaft behaupten, Lateinamerika spiele dabei eine
Vorreiterrolle. Die zentralen Länder, die Informationstechnologie
intensiv einsetzen und auch gut verstehen, sind uns auch im Einsatz
freier Software fast immer voraus. Dennoch sind lateinamerikanische
Länder oft mit kontrovertierten Mitteilungen und Entscheidungen
zugunsten der freien Software in den Technologienachrichten. Wenn in
Lateinamerika über freie Software geredet wird, dann dreht es sich
dabei meistens nicht darum, ob Programm X
schneller/besser/bunter/billiger ist als sein proprietäres
Gegenstück, sondern gleich um umfassende politische Entscheidungen,
die offensichtlich nicht mit technischen Argumenten allein
gerechtfertigt werden können.
Nehmen wir zum Beispiel die Entscheidung der brasilianischen
Regierung,
Freie
Software in der Öffentlichen Verwaltung vorzuziehen
, oder
die vielen dort kursierenden Gesetzesentwürfe, die den Einsatz
freier Software in der öffentlichen Verwaltung vorschreiben
sollen. Natürlich kann heute kein Mensch ernsthaft daran zweifeln,
daß der Einsatz freier Software sinnvoll ist, auch im öffentlichen
Bereich. Doch für solch breite und weitreichende Entscheidungen wie
die mittelfristige Zielsetzung, den Großteil der EDV der gesamten
öffentlichen Verwaltung auf freie Software umzustellen, sind
technische bzw. ökonomische Argumente ganz offensichtlich nicht
ausreichend. Entweder haben diese Leute nicht zu Ende gedacht, oder
es ist hier etwas mehr als nur pragmatisches TCO-Denken am
Spiel.
Tatsächlich sind bei solche Entscheidungen politische
Überlegungen oft wichtiger als technische, und es wird auch kein
Hehl daraus gemacht. Vor fünf Jahren betrachtete man noch solche
"ideologischen" Denkweisen als Irrwege, denn Ideologien seien
letztendlich tot. Selbst in der internationalen Gemeinschaft um
freie Software, insbesondere in der "open source"-Sippe, werden
diese Initiativen noch immer gleichgültig empfangen. In
Lateinamerika dagegen genießen sie eine eine breite
Unterstützung. Manch Einer mag die Ursache für dafür in der
"temperamentvollen Natur" der Lateinamerikaner sehen, aber das ist
nicht die einzige, nicht einmal die wahrscheinlichste Erklärung. Es
gibt in der Idee der freien Software einfach etwas, daß mit der
lateinamerikanischen Kultur in Resonanz kommt. Etwas, das es vermag,
Menschen zu rühren, introvertierte Hacker zur politischen Tat zu
bewegen, und technologiefremden Politikern Einsicht in ein für
sie sonst unverständliches Feld zu ermöglichen.
Die Vermutung liegt nahe, daß dieses gewisse "Etwas" ganz
einfach "Geld" heißt. Geld ist für lateinamerikanische Länder nicht
gerade Nebensache. Die meisten von ihnen stecken tief in Schulden,
von denen nicht einmal die Zinsen realistisch bezahlbar sind. Obwohl
einige dieser Länder eine gewisse industrielle Entwicklung erreicht
haben, sind ihre Hauptprodukte noch immer Rohstoffe und
Lebensmittel, sogenannte "commodities", die auf dem Internationalen
Markt immer geringere Gewinnmargen bieten. Dieser Hintergrund spricht von
einer dringenden Notwendigkeit, eine positive Handelsbilanz zu
erreichen, zu der die Kosten "importierter" Lizenzen nicht gerade
beitragen. Da muß z.B. Uruguay fast zwei ganze Rinder züchten,
füttern, schlachten und exportieren, um die Ausstattung eines
einzigen Rechners mit Textverarbeitungssoftware
auszugleichen. Mexiko und Venezuela müssen dafür ca. 30 Ölfässer
exportieren, Argentinien über drei Tonnen Soja, Chile 500 Pfund
hochgradigen Kupfer, Brasilien und Kolumbien sind mit 1000 Pfund
Kaffee dran, und so weiter.
Es darf also niemanden wundern, wenn Menschen in diesen Ländern
sich darüber Gedanken machen, wie dieser Aderlass zu stoppen ist. Ein
möglicher Weg daraus ist der von Kuba. In UNESCOs
Erster Freie Software-Konferenz für
Lateinamerika und die Karibik (LACFREE)
erzählte uns Gerardo
García, aus dem kubanischen Ministerium für Wissenschaft, Technik
und Umwelt, daß man auf der Insel der Meinung ist, daß wenn die USA
ihnen keine Software verkaufen will, dann ist auch keine Zahlung
fällig. Dementsprechend ist nicht lizenzierte Software in Kuba sogar
offiziell die Norm. Andere Länder, für die noch kein Embargo der USA
wirksam ist, haben es zwar schwerer, den Einsatz unlizenzierter
Software zu rechtfertigen, das hindert sie aber nicht daran,
Lizenzen für nur einen Bruchteil der tatsächlich verwendeten Kopien zu
bezahlen. Aus rein pragmatischer Sicht kann das Kostenproblem also
auf sehr einfacher Weise gemindert werden: man bezahlt gerade genug,
um die BSA zu besänftigen, der Großteil der Kopien bleibt aber
unlizenziert. Da braucht man doch auf proprietäre Software nicht zu
verzichten.
Woher kommt dann der Wille, sich offen und nachhaltig für
freie Software zu entscheiden, und damit möglicherweise den Zorn der
Microsofts und Oracles der Welt auf sich zu ziehen? Vielleicht kann das
besser erklärt werden, wenn wir erkennen, daß die Geldflucht einfach
eine leichter abzulesende Anzeige für ein tiefer liegendes Problem
ist. Nach dieser Theorie fließt das Geld deshalb ins Ausland, weil
wir nicht in der Lage sind, zu entscheiden, sie nicht
auszugeben. Wir sind abhängig geworden, und wie jeder Junkie können
wir es auch nicht verhindern, weiter Geld in genau dem auszugeben, das
uns zerstört. Das scheint mehr im Einklang mit den Tatsachen zu
sein, als ein rein monetärer Ansatz. Ein Blick in die Geschichte
dieser Bewegung kann bestimmt einen besseren Einblick
gewähren.
Der Staat muß nur freie Software einsetzen!
Ein gemeinsamer Nenner bei den oben zitierten Nachrichten ist
der vorzügliche bzw. vorgeschriebene Einsatz von freier Software in
der öffentlichen Verwaltung. Tatsächlich gibt es eine große Bewegung
in diese Richtung in ganz Lateinamerika, oder genau genommen
eigentlich zwei parallele und eng miteinander verknüpfte
Bewegungen: eine davon umfaßt fast alle spanischsprachigen Länder,
die andere ist in Brasilien angesiedelt. Das ist kein für Lateinamerika
unübliches Muster: mit 40% der Fläche und beinahe einem Drittel
der Bevölkerung ist Brasilien bei weitem das größte Land der Region,
und hat damit genug "Masse", um selbst so viele Leute wie alle
anderen Länder zusammen beizutragen. Beide Bewegungen unterscheiden
sich hauptsächlich in deren Ursprung, und in den letzten Jahren sind
sie zusammengewachsen, insbesondere durch sehr enge persönliche
Verbindungen zwischen ihren Teilnehmern.
In Brasilien, wie überall anders auf der Welt auch, kommen
Entwickler freier Software aus allen politischen Richtungen. Der
große Schub für den Einsatz von freier Software, insbesondere in
der öffentlichen Verwaltung, kam dort aber eindeutig aus der
Partido dos Trabalhadores
(PT)
(auf deutsch: "Arbeiterpartei"). Die Unterstützung
der freien Software durch die PT wurde erst im Staat
Río Grande do
Sul
deutlich, als Olívio Dutra die Governeurwalen
gewann. Kurz darauf wurde das von Statt geförderte Projekt
"Software Livre -
RS"
angekündigt. Das Projekt setzte sich "die Förderung
der Benutzung und Entwicklung freier Software als ökonomische und
technologische Alternative" als Ziel, und hatte sehr gute
Verbindungen zur Gemeinschaft, sowie zu Universitäten und
Unternehmen. Seit dem Jahr 2000 organisiert das PSL-RS das
Internationale Forum
der Freien Software
in Porto Alegre, das sich mit über 4.000
Besucher im letzten Jahr als wichtigste Veranstaltung um dieses
Thema in der Region profiliert hat.
Die politische Unterstützung der PT nahm ganz konkrete
Formen an: Marcelo D'Elia Branco, ein Gewerkschafter mit engen
Verbindungen zur freien Software, wurde in den Vorstand der
PROCERGS
gesetzt, ein
vom Staat betriebenes Datenverarbeitungsunternehmen. In dieser
Zeit entwickelte PROCERGS unter anderem
Direto
GNU
, ein freies Groupware-Programm, das dann in der
Verwaltung von Porto Alegre als Standard eingesetzt wurde. Während
der Eröffnung des dritten Forums in Porto Alegre, erklärte
Governeur Dutra den Anwesenden, daß
"geschlossene Software
mit der Demokratie inkompatibel ist".
BANRISUL
, mit über 300
Filialen die Größte Bank im Süden Brasiliens,
basierte
sein Kassenautomaten-System auf GNU/Linux
, und machte dies
seinen Kunden auch durch ein Relief-Tux im Bildschirmhintergrund
ersichtlich. Aus den Universitäten entstanden Programme wie
SAGU
für ihre eigene
interne Verwaltung und
GNUTeca
für
Bibliotheken.
So effektiv sich diese Unterstützung erwies, so war sie
leider auch an die Regierung gebunden. Ende 2002 verlor die PT die
Wahlen in Río Grande do Sul, und es war vorauszusehen, daß die
neue Regierung der freien Software nicht so freundlich gegenüber
stehen würde. Als Versuch, der neuen Regierung den Umschwung zu
erschweren, verabschiedete das Parlament in Dezember 2002
ein Gesetz
,
das die öffentliche Verwaltung dazu verpflichtete, freie Software
vorzuziehen. Als die Regierung dann wechselte, geschah alles wie
erwartet: Branco wurde aus dem Vorstand der PROCERGS entfernt,
ersetzt durch einen Microsoft-Vertreter. Dem Gesetz ging es auch
nicht besser:
es wurde nach
kurzer Zeit für grundgesetzeswidrig erklärt
. Nicht alles
kehrte aber zum Alten zurück: in
mehreren
Stadtregierungen
des
Staates
sind noch Gesetze in Kraft, die der freien
Software Priorität einräumen. In den Universitäten hat sich an der
Vorliebe für freie Software nichts geändert, die Kassenautomaten
der BANRISUL arbeiten noch immer auf GNU/Linux, und Direto GNU ist
auch nicht tot zu kriegen, obwohl PROCERGS, in einem etwas
undurchsichtigem Vorfall, die Web-Präsenz des Projektes
verschwinden ließ.
Gleichzeitig mit der Wahlniederlage in Río Grande do Sul,
erzielte die PT aber einen Wahlsieg auf nationaler Ebene. Die neue
brasilianische Regierung kündigte kurz danach an, daß sie auf freie
Software setzen würde, und so entstand das Projekt
"Software Livre - BR"
,
das die selben Ziele wie das PSL-RS hat, nur auf nationaler Ebene,
und außerdem verschiedene Unterprojekte unterstützt. Aufbauend auf
der Erfahrung in Río Grande do Sul, PSL-BR steht im gleichen
Rahmen wie das Programm "Null Hunger" der PT-Regierung, und wird
als strategisches Werkzeug für die Überbrückung der "digitalen
Kluft" sowie für die Förderung und Entwicklung des lokalen
IT-Bereichs angesehen. In diesem Sinne spielt Brasilien eine sehr
wichtige Rolle z.B. bei dem
Weltgipfel der
Informationsgesellschaft
, in der es sich unter Anderem
erfolgreich dagegen gewehrt hat, daß die dort verabschiedeten
Dokumente Erweiterungen der Patent- und Urheberrechte
befürworten.
Die brasilianische Erfahrung zeigt eindeutig, daß die
Fähigkeit, politische Entscheidungen zu treffen und durchzusetzen,
beim Einsatz freier Software, wie bei jedem anderen
Informatik-Projekt auch, ein großer Erfolgsfaktor ist. Der
Rückschlag in Río Grande do Sul zeigt wiederum, daß solche
Entscheidungen kurzlebig sein können, wenn kein breiter,
parteiübergreifender Konsens vorhanden ist. Einige brasilianische
Aktivisten finden es sogar ungünstig, daß die PT sich die freie
Software parteiisch so stark angeeignet hat. Manche, weil
sie eben anderen Parteien (oder gar keiner) angehören, andere,
weil die Identifizierung der freien Software mit den "Linken"
automatisch einen unnötigen Widerstand seitens der "Rechten" mit
sich bringt.
Grundlagenarbeit in Argentinien
Fast zeitgleich mit der Gründung des PSL-RS in Río Grande do
Sul veröffentlichte Roberto Di Cosmo sein "aus Frust und Wut
entstandener" Text
"Piège
dans le Cyberespace"
(auf deutsch,
"Falle
im Cyberspace"
). Dieser Text, der in einer für Laien
verständlichen Sprache erklärt, wie proprietäre Software zur Falle
wird, erzielte eine sehr große Verbreitung, und bewegte sogar zwei
Gruppen französischer Gesetzgeber dazu, jeweils ein Gesetz zu
entwerfen, nach denen die öffentliche Verwaltung freie Software
vorzuziehen hatte. Interessant ist die Tatsache, daß beide
Projekte im Grunde dasselbe verlangen, obwohl ihre Urheber
politische Gegner sind: die eine Gruppe kommt aus der
sozialistischen
Ecke, während die Andere eher zu der
konservativen
Ecke neigt.
Unter Robertos Lesern war eine Gruppe von Hackern aus einer
Provinzstadt Argentiniens, die sich mit dem Text sehr
identifiziert fühlten und sich wunderten, ob solch ein Gesetz auch
in Argentinien möglich wäre. Die Motivation dazu war vor allem das
Geld: unserer Ansicht nach was es bei der Auslandsverschuldung des
Landes nicht einzusehen, Geld für Lizenzen ins Ausland zu
schicken. Außerdem waren Lizenzverträge, bei denen große Summen
ausgegeben werden aber nichts Greifbares bleibt, ein gefundenes
Fressen für korrupte Politiker und Beamte. Die Gruppe taufte sich
selbst
"proposición"
("Vorschlag"), und daraus entstanden zwei Dokumente,
"La
Encrucijada Digital"
(Die digitale Abzweigung), und
"Razones por las
que el Estado debe usar software Libre"
(Gründe, warum der
Staat freie Software benutzen muß), das Ergebnis von über einem
Jahr wöchentlichen Treffen in einem Pizza-Restaurant.
Leider war es uns noch nicht gelungen, mit echten
Gesetzgebern über das Thema zu sprechen. Der Durchbruch kam auf
typisch lateinamerikanische Weise: per Zufall, und über
Bekannten. Einer der Gruppenteilnehmer sprach einmal über freie
Software mit einem Geschäftspartner, der ein paar Wochen später
beim Essen mit einem Freund, der wiederum mit einem Abgeordneten
befreundet war und ihn mitgebracht hatte, die Sache zufällig
erwähnte. Es handelte sich um den Abgeordneten Dragan, der ein
paar Monaten davor ein
Projekt
entworfen hatte, das als Ziel hatte, freie Software in der
öffentlichen Verwaltung vorzuziehen. Die frohe Überraschung wurde
leider gedämpft durch die Tatsache, daß Dragans Entwurf,
wenngleich gut gemeint, verschiedene technische Unstimmigkeiten
aufwies, die zu falschen Interpretationen führen konnten. Um dies
zu lösen, erklärte sich Dragans Team bereit, zusammen mit der
"proposición"-Gruppe den Text zu verbessern. Besser noch, sie
beauftragten uns, die Diskussion um den neuen Text öffentlich über
unsere Mailing-Liste zu führen. Damit andere auch ihren Senf dazu
geben konnten, kündigten wir die Diskussion in
Barrapunto
und in
Slashdot
an. Die Resonanz war überwältigend: die Mitgliedschaft in der
Liste stieg innerhalb einer Woche von vier Personen auf
ca. Zweihundert. Die Diskussion war lebhaft und produktiv, die
Ergebnisse wurden dann mit Dragans Team diskutiert und in den Text
integriert. So entstanden verschiedene Ergänzungen und
Berichtigungen zum ursprünglichen Vorschlag. Als dieser in Februar
2002 verjährte, stellte Dragan ein
ein neues
Projekt
vor, daß letztendlich von den Teilnehmern von
"proposición" ganz nach "open source" Manier kollektiv geschrieben
worden war.
In Dezember 2001 setzte sich Jesús Marquina-Ulloa aus der
GNU Peru-Initiative
mit uns in Verbindung. Er hatte einen peruanischen Parlamentarier
von den Vorzügen der freien Software überzeugt und wollte den
Text, den wir gemeinschaftlich zusammengehackt hatten, als Vorlage
für einen Gesetzesentwurf verwenden. Natürlich haben wir
zugestimmt, und so stellte Dr. Villanueva ein
Projekt
vor, das
gegenüber dem Argentinischen einen großen Vorteil hatte:
Dr. Villanueva war im Parlament sehr einflussreich, und so machte
das Projekt eine guten legislativen Fortschritt. So gut,
eigentlich, daß es die Aufmerksamkeit der peruanischen
Microsoft-Niederlassung weckte, deren Geschäftsführer erst
Dr. Villanueva besuchte, und ihm dann einen
Brief
zuschickte, in dem er sich gegen das Projekt
aussprach. Sobald Dr. Villanueva den Brief erhielt, schickte er
ihn an uns, damit wir ihm dabei helfen konnten, eine Antwort
darauf zu geben. Wir verbreiteten den haupsächlich aus FUD
bestehenden Briefinhalt in der Liste, sammelten Argumente und
Verweise, und erarbeiteten dann zusammen mit ihm seine inzwischen
berühmte und in viele Sprachen übersetzte
Antwort.
Während wir an dem Text der Antwort arbeiteten, wurde uns
langsam etwas deutlich, daß uns bis dahin nicht besonders
aufgefallen war: die Kostenfrage war aus unserer Argumentation
verschwunden. Ehrlich gesagt, war das für uns eine
Überraschung. Schließlich waren viel zu hohe Kosten und Korruption
am Anfang die treibenden Argumente der Initiative gewesen. Als die
Diskussion aber mit der Zeit tiefer wurde, waren neue Themen
aufgetaucht, die vor allem mit Sicherheit, Transparenz,
informatischer Selbstbestimmung und Ähnlichem zu tun hatten. Nun
versuchte ser Brief von Microsoft vor allem, freie Software als
nicht kostengünstig darzustellen, und unsere Reaktion darauf
könnten wir mit einem Achselzucken kurzfassen. Es wurde uns dann
endgültig bewußt, daß der Kernpunkt der Diskussion
nicht
and den Lizenzkosten liegt, sondern
daran, ob die öffentliche Verwaltung die wertvollen Daten unserer
Gesellschaft, die letztendlich unser soziales Gedächtnis bilden,
sich wohl einer Gruppe von Unternehmen blind anvertrauen kann. Wir
identifizierten drei Kernvoraussetzungen, die der Staat bei der
Verarbeitung, Speicherung und Übertragung seiner Daten gewähren
muß: Sicherheit, Nachhaltigkeit und Transparenz. Von ihnen, kann
nur eine, die Nachhaltigkeit der Daten, trotz Einsatz von
proprietärer Software respektiert werden, und zwar nur dann, wenn
alle Daten
immer und ohne Ausnahme
in offenen
Standardformate gespeichert werden, die von jedermann
implementiert werden dürfen. Sicherheit und Transparenz der
Verarbeitung bzw. Speicherung und Übertragung der Daten werden
dagegen beim Einsatz proprietärer Software grob
vernachlässigt.
Leider hat Microsoft den Briefwechsel in Peru nie
fortgesetzt. Stattdessen bekam Dr. Villanueva kurz darauf einen
Brief der American Chamber of Commerce Peru, der Microsofts
Argumente kaum umgeschrieben wiederholte. Darauf antwortete er für
parlamentarische Verhältnisse eher grob mit einem Brief, den man
mit "Sie möchten bitte erst dann wieder schreiben, wenn Ihnen
etwas Neues einfällt" zusammenfassen könnte (beide Briefe sind
noch
auf der
Website von GNU Peru
verfügbar). Die American Chamber of
Commerce meldete sich auch nicht wieder, was dann aber geschah,
war ein Machtbeweis seitens Microsoft, den keiner von uns für
möglich gehalten hätte.
Erst haben sie den amerikanischen Botschafter als
Dienstboten eingesetzt, um dem Präsidenten des Kongresses die
Besorgnis der USA bezüglich Dr. Villanuevas Projekt mitzuteilen,
und ihm ein "internes Microsoft-Memo" zukommen zu lassen, wie in
einem
Fax
zu
lesen ist. Dann haben sie den Botschafter Präsident Toledo
besuchen lassen, um ihn dringend nach Redmond einzuladen. Das
ereignete sich zu einer Zeit, als die Regierung Toledos wegen
Korruptionsvorwürfe in große Schwierigkeiten geraten war, die den
Kongress dazu veranlasste, ständig zu tagen. Dennoch ließ Toledo
alles fallen, und flog zu einem Treffen mit Bill Gates. Ein paar
Tage später kam er mit der Ankündigung zurück, Microsoft habe Peru
fünfzig Millionen Dollar gespendet. Journalisten fanden später
heraus, daß die Spende eigentlich nur fünfhunderttausend Dollar
betrug, und zwar in "Geld, Software und Beratung
bzgl. e-Government". Darf man sich fragen, welche Produkte diese
"gespendeten" Berater wohl empfohlen haben mögen? Wie auch immer,
nach Toledos Rückkehr wurde die Atmosphäre um Dr. Villanuevas
Projekt zunehmend kühler, und so bleibt es trotz
parteiübergreifender Unterstützung bis heute noch
unverabschiedet.
Kolumbien, Costa Rica, Uruguay, Mexiko...
Durch Dr. Villanuevas Brief bekam die Initiative, dem Staat
den Einsatz freier Software vorzuschreiben, eine sehr große
Popularität. Die Gemeinschaften um die freie Software aus vielen
Länder traten in Kontakt mit uns, um ähnliche Projekte
vorzuschlagen, und jedes neue Projekt trug uns neues Wissen
zu. Durch die Arbeit der
Colibrí-Gemeinschaft
aus
Kolumbien lernten wir, zum Beispiel, daß uns eine wichtige
Voraussetzung bei der Verwaltung öffentlicher Daten nicht
eingefallen war: Multikulturalität. Anders als in Argentinien, wo
die einheimischen Völker in der Gesellschaftsordnung gar nicht
berücksichtigt werden, haben sich andere lateinamerikanische
Nationen dazu verpflichtet, das Kulturgut und die Sprachen ihrer
ursprünglichen Völker zu erhalten. In der Software-Welt bedeutet
das, daß Programme und Dokumente auf diese Sprachen verfügbar sein
müssen, auch wenn sie keine kommerzielle Bedeutung haben.
In verschiedenen Veranstaltungen und öffentlichen Debatten
stellten wir fest, daß viele Leute die Grundsätze der Initiative
missverstehen und glauben, ihr Ziel sei die Förderung der freien
Software, und nicht die Erhaltung gewisser Bürgerrechte, die durch
den Einsatz von EDV verletzt werden können, wie es wirklich der
Fall ist. Wir lernten auch, daß Microsoft nicht zu denen gehört,
die einfach locker lassen: als in der argentinische Provinz Buenos
Aires
eines
"unserer" Projekte
guten Fortschritt machte, tauchte
plötzlich die
Argentinische
Handelskammer der Software und Informatische
Dienstleistungen
auf mit
einem Brief,
der auffallend an dem der peruanischen Microsoft erinnert,
und wieder haben wir diesmal Senator Conde geholfen, eine passende
Antwort zu schicken.
... and tomorrow, THE WORLD!
Durch unsere Arbeit haben wir Leute aus der ganzen Welt
kennengelernt, die mit Leidenschaft hinter der Idee stehen, daß
der Einsatz proprietärer Software durch den Staat unzulässig ist,
und sie nach ihrem besten Können unterstützen. Auffallend dabei
ist es, daß es nicht möglich zu sein scheint, diese Idee in dem
üblichen politischen Spektrum zu platzieren: außer in Brasilien,
wo die Unterstützung einer bestimmten Partei viel stärker ist als
die der Anderen, wird sie sowohl von "Rechten" wie auch von
"Linken" gleichermaßen unterstützt oder bekämpft. Inzwischen gibt
es derartige
Initiativen
auf allen Kontinenten
, viele davon basieren auf
Übersetzungen unserer Arbeit, was uns besonders Stolz macht. In
Europa hat die bereits erwähnte FLOSS-Studie sogar eine
auf
europäische Verhältnisse angepasste Übersetzung unserer
Arbeit
als Empfehlung für alle Mitgliedsländer der Union
vorgeschlagen.
Aus Brasilien wissen wir, daß eine starke Bindung zu einer
bestimmten Partei schnelle Ergebnisse liefern kann, wenn diese
Partei an der Macht ist, es leider aber auch für die
Nachhaltigkeit dieser Ergebnisse ein Problem sein kann, wenn eine
andere Partei die alte ablöst. Aus der internationalen Erfahrung
wissen wir jetzt, daß eine breite, parteiübergreifende
Unterstützung aufgebaut werden kann. Es ist ein langes und
schwieriges Unterfangen, das in bestimmten Fällen bereits konkrete
legislative Erfolge geliefert hat, und in den anderen zumindest
dazu geführt hat, daß heute Niemand mehr daran zweifelt, daß freie
Software, sowohl als Produkt als auch als Philosophie, für die
öffentliche Verwaltung enorme Vorteile aufweist.
"Libertad, Libertad, Libertad"
Das obige Bild der Bewegung für den Einsatz von freier
Software im der öffentlichen Verwaltung lässt noch die Frage offen,
was die Menschen dazu bringt, sich mit solcher Leidenschaft auf
"fremdes Terrain" (für Hacker: Politik, für Politiker: Technologie)
dafür einzusetzen. Bei all der Armut kann Geld es alleine nicht
erklären. Obwohl Sparsamkeit auch in Lateinamerika zu den
erstrebenswerten Tugenden gehört, es genügt ein Blick auf unsere
Auslandsverschuldung um festzustellen, das es kein Maßstab ist, an
den sich unsere Regierungen gehalten haben (um fair zu sein, müssen
wir aber auch darauf aufmerksam machen, daß das kein rein
lateinamerikanisches Laster ist). Gewiss werben Parteien und
Regierungen mit ihrer Sparsamkeit, wenn sie welche vorzuweisen
haben, aber damit sind keine Menschenmengen zu bewegen, und selten
wurde eine Wahl mit Sparsamkeitsparolen gewonnen.
Leider können wir es auch nicht zivilem Engagement für
Bürgerrechte zuschreiben, nicht bei schwindender Teilnahme an
Wahlen, und insbesondere nicht in Länder, in denen jeden Tag über
viel gröbere Bürgerrechtsverletzungen in den Zeitungen zu lesen
ist. Freiheit und Unabhängigkeit dagegen sind bei uns
emotionsgeladene Worte. Sie gehören zu den Allerersten, die
lateinamerikanische Kinder in der Schule lernen. Wie es sich in
ehemaligen Kolonien gehört, sind unsere Nationalfeiertage meistens
mit dem Unabhängigkeitskampf und seine Kämpfern verbunden, und das
Wort "Libertad" darf natürlich in keiner Nationalhymne
fehlen. Unsere junge Geschichte ist vom Freiheitskampf geprägt. Was
vielleicht noch bedeutender ist: unser Alltag ist von der
unmissverständliche Tatsache geprägt, daß wir die ersehnte
Unabhängigkeit entweder nie erreicht, oder wieder verloren
haben.
All diese Überlegungen mögen weit von der Informatik entfernt
klingen, vor allem wenn man glaubt, daß Technologie tatsächlich
"neutral", also wertfrei, ist. Es ist zwar richtig, daß ein
Programm keine Werte haben kann, dafür fehlt es ihm an freiem
Willen. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß ein Programm keine
Werte in sich trägt. Technologie wird von Menschen eingesetzt, sie
verrichtet ihre Arbeit in einem bestimmten kulturellen und sozialem
Umfeld. Nehmen wir als Beispiel ein x-beliebiges Betriebssystem,
das sich nur zusammen mit einem bestimmten Browser samt
umfangreiche Multimedia-Software installieren lässt, und deshalb
nur auf Rechnern ab einer bestimmten Leistungsklasse
zufriedenstellend funktioniert. Man kann die Entscheidung, die
Software auf solche Art und Weise auszuliefern, ganz nüchtern als
eine Marketing-Strategie betrachten, um Kunden durch erweiterte
Funktionalität zu locken. Wenn man sich aber in die Schuhe eines
potentiellen Benutzers versetzt, der aus verschiedenen Gründen
keinen Zugriff auf Multimedia-Inhalte hat oder wünscht, oder nicht
in der Lage ist, einen neuen Rechner alle zwei Jahre zu kaufen, nur
damit er weiter das tun darf, was er auch mit seinem alten Computer
konnte, dann wird es plötzlich klar, daß hier außer dem
eigentlichen Programm auch noch eine Ideologie vorhanden
ist. Technologie ist zum Vehikel für ein Wertesystem geworden, das
den Benutzern aufgezwungen wird. Wenn dieses Wertesystem mit dem
des sozialen Umfeldes mehr oder weniger übereinstimmt, dann fällt
dies in der Regel nicht besonders auf. Je mehr diese Werte aber von
denen des sozialen Umfeldes abweichen, desto stärker wird der Zwang
vom Benutzer als Gewaltakt empfunden. Nicht jedem wird dieser
Konflikt ganz klar bewusst: viele Menschen, die nicht einmal
wissen, daß es Alternativen gibt, nehmen ihn als noch eine der
vielen Unbehaglichkeiten des Lebens. Es sind aber sehr wenige, die
nicht mindestens ein unbestimmtes Unbehagen spüren.
Wenn wir uns von der Illusion der Neutralität der Technologie
befreien, dann wird uns klar, daß der wunde Punkt bei der
proprietären Software in Lateinamerika daran liegt, daß sie uns die
Fähigkeit zur Selbstbestimmung entzieht, daß sie den Versuch
darstellt, uns eine Weltvorstellung aufzuzwingen, die zu unserer
Realität nicht paßt. Deshalb sind auch die meisten
Finanzierungsprogramme zur Überbrückung der "digitalen Kluft" zum
Scheitern verurteilt: weil sie sich nur auf die Universalisierung
des Zugriffs auf Technologie konzentrieren, und nicht auf deren
Aneignung. Es ist nicht genug, daß unsere Gesellschaft den
"Zugriff" auf die Technologie erlangt, wenn diese uns fremd bleibt,
wenn wir sie nicht an unsere Bedürfnisse anpassen können, wenn wir
sie nicht selber warten, reparieren und produzieren können, wenn
wir sie nicht denen zur Verfügung stellen können, die sie
brauchen. Wenn das alles nicht gegeben ist, dann sind wir für immer
auf die Rolle passiver Konsumenten verdammt, die weiterhin keine
andere Wahl haben als wertvolle, begrenzt verfügbare natürliche
Ressourcen gegen Lizenzen, sei es für Software oder für Inhalte,
auszutauschen. Lizenzen, die in unbegrenzter Menge vorhanden sind,
und damit grundsätzlich mit den Ressourcen nicht vergleichbar
sind. Um wieder aus unserer Geschichte zu zitieren, Gold gegen
Glasperlen. Ist es ein Wunder, daß wir uns dagegen wehren?
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