The GIMP 2.0 - was ist neu?
Drei Jahre nach der letzten stabilen Version von GIMP – Version
1.2 – ist GIMP 2.0 vorgestellt worden. Wir wollen einen Blick
auf die neue Version werfen und sehen, was sich gegenüber der alten
Version getan hat.
Viel Arbeit ist in die Reorganisation der internen Strukturen von
GIMP geflossen. Es war spannend, mitzuverfolgen, in welchem Maße
dies Bugfixes und Vereinheitlichungen nach sich gezogen hat. Während
dies nicht unbedingt für den Endbenutzer sichtbar ist, hat es die
Arbeit an dem GIMP-Kern sehr vereinfacht.
Einer der wichtigsten Kritikpunkte an früheren Versionen war das
User-Interface, das bis zu Version 1.2 die Tendenz hatte, sich in
einer mehr oder weniger unüberschaubaren Menge von einzelnen
Fenstern auszubreiten. Wenn man mit verschiedenen Mustern, Pinseln
und Farben gearbeitet hat, war man bald nur noch am Fensterschubsen.
Mit GIMP 2.0 kann man – wenn man es denn will – diesen
Arbeitsstil immer noch pflegen. Allerdings ist es auch möglich, die
verschiedenen Dialoge miteinander zu kombinieren. Man kann dann
mit einem einzigen Klick umschalten, welcher der gruppierten Dialoge
im Moment im Vordergrund stehen soll. Es ist also ein Leichtes,
Dialoge die man selten braucht in Bereitschaft zu halten.
Wie wird das nun bedient? Jeder derartige Dialog hat eine eigene
Titelzeile, die als "Griff" dient. Des weiteren gibt es in jedem
dieser Dialoge mehrere Bereiche, die als Ziel für eine
Drag'n'Drop-Operation dienen können. Vielleicht das
offensichtlichste Ziel ist die Leiste mit den Indexreitern. Greift
man einen Dialog an der Titelzeile und lässt ihn auf dieser Leiste
fallen, wird der Dialog in diese Dialoggruppe integriert. Analog
kann man einen Dialog aus einer Gruppe herausziehen indem man an dem
Indexreiter anfasst und ihn "ins Leere" zieht (also zum Beispiel auf
den Desktop) wird er in ein neues Top-Level-Fenster gepackt.
Ober- und unterhalb der Dialoge findet man zwei wenige Pixel breite
Rechtecke. Zieht man einen anderen Dialog auf diesen Bereich, werden
die zwei Dialoge übereinander angeordnet. So kann man viele Dialoge
in wenigen Top-Level-Fenstern unterbringen und der Fenster-Wirrwarr
früherer GIMP-Versionen bleibt einem erspart.
Da die Anordnung der Dialoge beim Beenden von GIMP gespeichert wird,
kann man sich so das Benutzerinterface von GIMP auf seine eigenen
Bedürfnisse einrichten.
Ein ebenfalls häufig gehörter Kritikpunkt ist das Fehlen einer
Menüleiste im Bildfenster. Während erfahrene GIMP-Benutzer häufig
den Zugriff auf das Menü mittels rechter Maustaste bevorzugen
(weniger Mausbewegung) war das für Einsteiger ein Hindernis. In GIMP
2.0 ist diese jetzt vorhanden, kann aber bei Bedarf abgeschaltet
werden. Einsteigern wird es so erleichtert, den Funktionsumfang von
GIMP zu erforschen.
Viel Arbeit ist in das neue Pfadwerkzeug geflossen, es verhält
sich jetzt ähnlich wie in anderen Programmen und ist viel näher an
dem, "was man erwartet". Zudem wurden einige störenden
Begrenzungen des alten Werkzeugs restlos beseitigt.
So ist es jetzt möglich, in einem Pfad mehrere offene
Komponenten zu haben. Dies ermöglicht es einem z.B. Pfeilspitzen
zu erstellen.
Das Pfadwerkzeug erschließt sich einem am besten, wenn man damit
rumprobiert. Öffnen Sie ein neues Bild und wählen sie (z.B. über
das Tastenkürzel "B") das Pfadwerkzeug. Mit einigen Klicks in das
Bild können Sie unmittelbar einen Pfad erzeugen.
Sollte Ihnen die Form des Pfades nicht zusagen – und hier
war die Bedienung des alten Werkzeuges um Längen schlechter
– können Sie einfach an den Kontrollpunkten anfassen und sie
durch die Gegend ziehen. Dies funktioniert nicht nur mit den End-
und Kontrollpunkten der Beziersegmente, sondern auch mit der Kurve
selbst. Sie können irgendwo an einem Kurvensegment anfassen und
das Segment verbiegen.
Mittels <Shift> lassen sich mehrere Punkte markieren und
gemeinsam verschieben. Dies kann nützlich sein um bestimmte
Teilstücke eines Pfades zu verschieben.
Wenden wir uns nun den Werkzeugoptionen zu. Hier kann man zwischen
drei Modi umschalten:
Design
, was
vorwiegend für das erzeugen/verschieben von Kontrollpunkten
zuständig ist,
Bearbeiten
, zuständig für eher
technische Modifikationen wie das Einfügen und Löschen von
Kontrollpunkten und Segmenten und
Verschieben
, mit dem sich die Komponenten
eines Pfades als Ganzes verschieben lassen.
Zwischen den Modi läßt sich auch mit der Tastatur umschalten.
<Strg> schaltet in den Bearbeiten-Modus, <Alt> in den
Verschieben-Modus.
Betrachten wir nun den
Bearbeiten
-Modus
näher. Bewegen sie den Mauszeiger über ein Segment unseres Pfades.
Wie der Mauszeiger schon andeutet (ein kleines "+" wird sichtbar)
kann man jetzt via Mausklick einen Kontrollpunkt einfügen.
Hält man <Shift> gedrückt, kann man Kontrollpunkte durch
einen Klick auf sie löschen. Auch Kurvensegmente kann man im
Bearbeiten-Modus mit Shift-Klick löschen. Damit kann man Kurven
in mehrere Komponenten auftrennen.
Um nun solche Komponenten wieder miteinander zu verbinden muß
zunächst (mit einem einfachen Klick im Design-Modus) der eine
Endpunkt aktiviert werden. Dann klickt man im Bearbeiten-Modus
auf den anderen Endpunkt. Damit lassen sich die Komponenten eines
Pfades beliebig miteinander verbinden. Auch dies ist etwas, das
mit dem alten Pfadwerkzeug nicht ging.
Klick-Ziehen im Bearbeiten-Modus ermöglicht es einem, nachträglich
die Bezier-Kontrollpunkte aus den Stützpunkten herauszuziehen.
Zu dem
Verschieben
-Modus ist nicht viel zu
sagen. Klicken und ziehen verschiebt eine Komponente, zusammen mit
<Shift> wird der ganze Pfad verschoben.
Manchmal ist es nicht erwünscht, gerundete Segmente im Pfad zu
haben. Für diesen Fall gibt es in den Werkzeugoptionen den Punkt
Polygonal
, der verhindert, dass neue Segmente
gebogen werden.
Zu guter Letzt findet man in den Werkzeugoptionen noch zwei
Buttons, um a) einen Pfad in eine Auswahl umzuwandeln und b) einen
Pfad nachzuziehen.
Auch in GIMP 1.2 war es schon möglich, Pfade mit einem beliebigen
Malwerkzeug nachzuziehen. In GIMP 2.0 gibt es zusätzlich eine
Funktion um Pfade ähnlich dem Postscript-Modell in das Bild zu
malen. Dünne Linien sehen damit sehr viel sauberer aus und es ist
nun möglich, gestrichelte Linien zu erzeugen.
Zugriff auf diese Funktion erhält man über einen neuen Dialog, der
bei einem Aufruf der "Pfad nachziehen"-Funktion erscheint. Hier
kann man auswählen ob man den Pfad klassisch mit einem Malwerkzeug
nachziehen möchte (und falls ja mit welchem). Alternativ kann man
im oberen Bereich die Parameter für die neue Methode festlegen.
Natürlich kann man – wie man es erwarten würde – die
Linienbreite festlegen. Die anderen Optionen bedürfen vermutlich
einer Erläuterung.
Aufsatzstil
beschreibt, wie die Enden einer
Linie behandelt werden sollen: Stumpf abgeschnitten, mit
angesetztem Halbkreis oder mit angesetztem (halben) Quadrat.
Verbindungsstil
beschreibt, wie die Ecken in
einem Pfad behandelt werden. "Gehrung" sorgt für eine scharfe Ecke,
"Rund" für eine abgerundete und "Schräg" für eine angefaste Ecke.
Da bei kleinen Winkeln zwischen zwei Pfadsegmenten die
"Gehrungs"-Ecke sehr weit ausladen kann, kann man mit
Gehrungs-Limit
festlegen, wie weit die Spitze
von der Pfadecke entfernt sein darf (in Vielfachen der halben
Pfadbreite). An dieser Option muß man nur selten etwas ändern.
Das
Muster
einer Linie legt das Strichmuster
fest. Damit kann man gestrichelte oder gepunktete Linien erzeugen
und auch leicht andere Strichpunktmuster festlegen. Mit der Maus
kann man in der Vorschau ein Muster malen oder mittels
Vordefiniert
ein vorgegebenes Muster
auswählen. Mit den Pfeilen links und rechts der Vorschau kann man
das Muster nach links und rechts verschieben.
Kantenglättung
legt fest, ob die Linie mit
oder ohne Kantenglättung (Antialiasing) gemalt werden soll. Meist
ist es zu empfehlen, Kantenglättung zu verwenden.
Bei
Stil
kann man auswählen, ob die Linie mit
der Vordergrundfarbe oder mit dem aktuellen Muster gefüllt werden
soll.
Die Transformationswerkzeuge (rotieren, skalieren, scheren,
perspektivisch verzerren und spiegeln) sind teilweise in der
Qualität verbessert worden, insbesonders die perspektivische
Verzerrung.
Zusätzlich ist es jetzt nicht nur möglich, den Inhalt einer Ebene
zu transformieren, sondern auch Auswahlmasken und Pfade, was
vorher nur über Umwege ging. Dazu gibt es in den Werkzeugoptionen
einen neuen Schalter, mit dem man auswählen kann, was nun
transformiert werden soll.
Auch das Textwerkzeug wurde komplett überarbeitet. Es erzeugt nun
standardmäßig eine sogenannte Textebene, die zusätzlich zu dem
gerenderten Text auch noch Zusatzinformationen enthält. So wird
der Text nocheinmal als Textinformation gespeichert, so dass der
Text nachträglich noch geändert und korrigiert werden kann. Auch
der Fontname wird mit abgespeichert, so dass auch er nachträglich
problemlos geändert werden kann.
Nach einem Klick mit dem Textwerkzeug in das Bild öffnet sich ein
Dialog, in dem man den Text eingeben kann. Gleichzeitig wird im
Bildfenster der Text in der richtigen Größe und Schriftart
dargestellt. In den Werkzeugoptionen kann man verschiedene
Formatierungsoptionen auswählen, insbesonders Größe, Farbe und
Ausrichtung des Texts.
Um den Text nachträglich zu bearbeiten sorgt man dafür, dass die
entsprechende Textebene aktiv ist und klickt mit dem Textwerkzeug
hinein. Alternativ schaltet ein Doppelklick auf den Eintrag der
Textebene im Ebenendialog auf das Textwerkzeug um und aktiviert
den Texteingabedialog.
Es ist möglich, den Umriß einer Textebene in einen Pfad
umzuwandeln, wobei die Informationen aus der Fontdatei verwendet
werden. Damit ist es ein Leichtes, einzelne Buchstaben aus
gestalterischen Gründen zu verformen. In den Werkzeugoptionen
findet man hierfür den Punkt
Pfad aus Text
erzeugen
. Achtung: Hierbei werden die Einstellungen für
das Hinting berücksichtigt. Man sollte dies abschalten, wenn man
die originalen Buchstabenformen aus dem Font haben möchte.
The GIMP 2.0 ist der erste stabile GIMP, der offiziell auf der
Windows-Plattform läuft. Hauptsächlich ist dies dem offiziellen
Port von GTK+ für Windows zu verdanken. Die Version 1.2 wurde mit
vielen Hacks und Tricks für Windows portiert, seit Version 2.0 ist
dies nicht mehr nötig.
Auch wenn viele Windows-Nutzer mit der etwas Windows-untypischen
Oberfläche von GIMP Probleme haben, ist es doch eine Erweiterung
des Nutzerspektrums. Generell halte ich es für eine gute Idee,
Windows-Nutzer mit der Idee von Open-Source vertraut zu machen,
auch wenn bisher nur ein kleiner Anteil der Windows-Nutzer die
Möglichkeit hat, Programme aus dem Sourcecode zu compilieren.
Für MacOS-X sieht es noch etwas anders aus. Hier gibt es noch
keinen nativen Port von GTK+, allerdings stellt Apple einen
X-Server für MacOS zur Verfügung, so dass GIMP schon erfolgreich
für MacOS-X compiliert wurde und als Paket zur Verfügung steht.
Allerdings ist das Zusammenspiel zwischen Aqua, X11 und GTK+/GIMP
noch nicht optimal, so das hier noch etwas Arbeit nötig ist.
Es hat sich in den letzten drei Jahren viel getan und auch dieser
Artikel kann nur an der Oberfläche kratzen. Wer genauer wissen
will, was sich im Einzelnen getan hat, kann sich an beinahe 2 MB
Changelog ergötzen. Es kann eigentlich jedem empfohlen werden, auf
GIMP 2.0 umzusteigen, es sei denn man ist auf bestimmte Bugs in
dem alten Code angewiesen...